Frieda und Max Goldmann, Zeil
Der Metzger Max Goldmann (nach anderer Schreibung Marx; geb. 25. Oktober 1872) ist mit Frieda, geb. Silbermann (geb. 11. März 1881), verheiratet und steht im Ersten Weltkrieg für Deutschland an der Front. Seit 1838 betreibt die Familie Goldmann im Haus Lange Gasse 1 eine koschere Metzgerei. Anfang des 20. Jhs., als in Zeil kaum noch Juden leben, finden die Goldmanns in Haßfurt und den umliegenden Gemeinden Abnehmer für ihr Kalb-, Lamm- und Ziegenfleisch. Durch immer rigider werdende Boykott- und Zwangsmaßnahmen der Nazibehörden verarmt das Ehepaar zusehends. Im September 1940 muss die Familie ihr Anwesen verkaufen.
Max Goldmann stirbt am 1. Februar 1941. Seine Witwe überlebt dank heimlicher Lebensmittelspenden mitfühlender Nachbarn. Der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entgeht sie nicht. Am 25. April 1942 wird sie zusammen mit fast 1000 Leidensgenossen von Würzburg nach Krasniczyn in Ostpolen gebracht und in einem der umliegenden Vernichtungslager ermordet.
Patenschaft Frieda Goldmann: Lena Maier
Patenschaft Max Goldmann: Jakob Maier
Straßenszene in Zeil. Die Frau vor dem Brunnen ist wohl Frieda Goldmann
Alfred Silbermann, Zeil
Alfred Silbermann (geb. 30. Juli 1883), Viehhändler, verliert 1910 beide Beine: Am Hofheimer Bahnhof gerät er unter einen Zug. Im Juni 1939 wird ihm behördlicherseits aufgetragen, seinen Grundbesitz an arische Käufer (vom »Kreisbauernführer« zu benennen) zu veräußern. In seinem als »Judenhof« bekannten Anwesen in der Speiersgasse soll nach dem Willen der Nazis eine Schweinemästerei betrieben werden.
In den 30er-Jahren lebt er zeitweise bei einer seiner Schwestern in Schweinfurt. Mehreren Mitgliedern der Familie gelingt die Emigration in die USA. Alfred Silbermann bleibt in Nazideutschland – mutmaßlich weil ihm wegen seiner Behinderung die Einreise in die USA verwehrt wird.
Am 9. Juni 1942 wird Alfred Silbermann in das jüdische Altersheim in Würzburg umgesiedelt. Am 10. September 1942 wird er von Würzburg aus nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert.
Patenschaft Alfred Silbermann: Thomas und Melanie Maier
1902 in Zeil: Alfred Silbermann (hinten, 3. v.l.) im Alter von 18 oder 19 Jahren.
Familie Adler, Haßfurt
Gusti Adler, geborene Schloß wurde 1879 geboren und heiratete 1902 Isidor Adler. 1903 wurde ihr erster Sohn, Herbert geboren, 1907 ihr zweiter Sohn, Ernst Max. Isidor verstarb 1929, seither lebte Gusti mit Ernst Max im Haus Hauptstr. 63. Herbert hatte bereits seine eigene Familie gegründet.
Ernst Max wusste die Zeichen der Zeit wohl früh zu deuten, er floh 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, nach England.
Herbert Adler, Hauptstr. 31, war seit 1929 mit Rosa Alice, 1906 als Rosa Dietenhöfer geboren, verheiratet. 1930 bekam das Paar sein erstes Kind, Hans Gerd. Die junge Familie flüchtete 1936 – ihr Sohn war damals erst sechs Jahre alt – zunächst gemeinsam mit Gusti Adler nach Südafrika, später nach Tel Aviv. Herbert verstarb dort 1978, das Todesdatum von Rosa kennen wir nicht.
Hans Gerd wurde Chemiker in London.
Patenschaft Hans Gerd Adler: Klasse 9/2025 der Waldorfschule Haßfurt
Patenschaft Rosa Alice Adler: Peter Giessegi
Ehepaar Neuburger, Haßfurt
Hilde Sündermann, geboren 1885, hatte 1919 den Viehhändler Hirsch Neuburger, Jahrgang 1878, geheiratet. Hirsch Neuburger hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und war für seine Tapferkeit mit dem EK1 ausgezeichnet worden.
In der Pogromnacht 1938 wurde das Haus des Paares am Tränkberg 2 geplündert. Ihr 1920 geborener Sohn Kurt war zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Flucht in die USA. Das Ehepaar Neuburger wurde 1939 in das Judenhaus in der Brückenstraße 3 eingewiesen, 1941 schaffte man sie nach Westheim. Von dort wurden sie am 25. 4. 1942 nach Krasniczyn deportiert und in einem der umliegenden Lager ermordet. Sie waren 64 und 57 Jahre alt.
Ihr Sohn Kurt kehrte als Soldat der US Army nach Deutschland zurück. Seine Suche nach seinen Eltern blieb erfolglos
Patenschaft Hilde und Hirsch Neuburger: Familie Fritzenkötter
Sara und Isaak Rosenbach, Hofheim
Sara, geboren 1864, und Isaak Rosenbach, geboren 1858, »verlegten« laut Akten der Gestapo im September 1942 ihren Wohnsitz in das Ghetto Theresienstadt. Schon einen Monat später waren sie nicht mehr am Leben. Ermordet. Sara und Isaak waren 78 und 84 Jahre alt.
Zuvor wohnten beide in Hofheim, Hauptstraße 2 (damals Langgstraße 82), bis sie 1939 nach Würzburg in ein jüdisches Altersheim ziehen mussten. Drei Kinder gab es: Karolina starb 1938, kurz nach der Pogromnacht, Friederike wurde 1941 ins Ghetto Riga deportiert. Julius war bereits 1916, im Ersten Weltkrieg, gefallen.
Das Hab und Gut der Rosenbachs hatte man geraubt. Als »volks- und staatsfeindliches Vermögen … zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen«. Ein Jahr nach ihrem Tod wurde ihre Akte bei der Gestapo Würzburg mit dem Vermerk »erledigt« weggelegt.
Familie Sündermann, Hofheim
David (geb. 1884), Irma (geb. 1894) und Heinz Sündermann (geb. 1930). Die Familie hatte ein Schuhgeschäft, es wurde in der Pogromnacht 1938 verwüstet und geplündert.
David Sündermann wurde verhaftet und für eine Woche in Dachau inhaftiert. Heinz Sündermann war zu diesem Zeitpunkt 7 Jahre alt. Erst im Jahr zuvor war er in die Schule gekommen. Die Familie wusste nicht, wohin. Erst zog sie nach Nürnberg, dann nach Berlin. Dort starb der Vater David Sündermann 1941.
Irma und Heinz Sündermann wurden im April 1942 ins Ghetto Warschau deportiert und ermordet. Heinz Sündermann wurde 11 Jahre alt, seine Mutter 48.
Patenschaft David Sündermann: Manuela Rottmann
Sali Stern, Hofheim
Sali (geboren 1871) war eine von 8 Töchtern des Viehhändlers Isaac Stern. Sie lebte bei der Familie ihrer Schwester Pauline, die Simon Mayer geheiratet hatte, der in Hofheim ein Textilwarengeschäft am Marktplatz 6 (damals 4) betrieb. 1934 verkauften sie ihr Haus und flohen nach Luxemburg, wo Simons und Paulines Sohn Julius verheiratet war. Diesem gelang die Flucht in die Dominikanische Republik, Pauline und Simon Mayer wurden 1942 in Treblinka ermordet.
Sali Stern hat sich 1939 angesichts der immer bedrohlicher werdenden Judenverfolgung das Leben genommen. »Sie starb kinderlos, sie hinterließ keine Spuren. Ihren Namen findet man nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs. Es ist, als hätte sie nie gelebt.«, so ihr Nachfahre Prof. Jochen Oppenheimer.
Patenschaft Sali Stern: Prof. Jochen Oppenheimer
Geschwister Goldmann, Haßfurt
Julius, 1882 in Zeil geboren, war Tierarzt in Haßfurt. Er arbeitete als Kaufmann und Handelsagent. 1938 war er in Dachau inhaftiert, 1939 wurde er mit Berufsverbot belegt.
Babette wurde 1888 geboren und lebte gemeinsam mit ihrem Bruder in der Zwerchmaingasse 11. Wahrscheinlich verzichteten sie auf eine Ausreise, weil sie Ihre bei ihnen wohnende Mutter Lina Goldmann pflegten. Diese starb im Februar 1942.
Am 25. 4. 1942 wurden die Geschwister von Würzburg aus nach Ostpolen ins Ghetto Krasniczyn deportiert und in einem der umliegenden Vernichtungslager ermordet.
Geschwister Lonnerstädter, Haßfurt
Löb, Jahrgang 1866, betrieb gemeinsam mit seiner Schwester einen Gemischtwarenladen samt Leihbücherei in der Hauptstraße. Das Geschäft wurde zwischen 1933 und ’38 arisiert. Die Geschwister wurden am 4. 6. 1941 ins Ghetto Westheim (Bäckergasse 6) verbracht, da das Haßfurter Ghetto in der Brückenstr. 3 überfüllt war.
Löb wurde am 23. 9. 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er einen Monat später, am 23. 10., ermordet wurde.
Babette wurde 1877 geboren und lebte mit ihrem Bruder im Anstaltsgäßchen 2. Am 25. 4. 1942 wurde sie von Würzburg aus nach Ostpolen ins Ghetto Krasniczyn deportiert und in einem der umliegenden Vernichtungslager ermordet.
Patenschaft Babette Lonnerstädter: Dekanat Rügheim
Familie Rosenthal, Haßfurt
Jonas, 1879 in Baden bei Wien geboren, war Soldat im Ersten Weltkrieg und in russischer Kriegsgefangenschaft. Er arbeitete als Kaufmann und Handelsagent. 1938 wurde er mit Berufsverbot belegt, in der Pogromnacht misshandelt und zeitweise in Haft genommen.
Selma, geborene Lonnerstädter, wurde 1885 in Haßfurt geboren, wo sie ihr ganzes Leben verbrachte. Sie war Mutter von fünf Kindern, von denen drei mit ihr in den Tod gingen.
Cäcilie, Karoline und Therese waren 20, 19 und 13 Jahre alt, als die Familie am 25. 4. 1942 von Würzburg aus nach Ostpolen ins Ghetto Krasniczyn deportiert wurde. In einem der dortigen Vernichtungslager wurden sie gemeinsam mit ihren Eltern und mehr als 800 weiteren Insassen des Zuges direkt nach ihrer Ankunft ermordet.
Patenschaft Therese Rosenthal: P-Seminar RMG 2023
Nur zwei Kinder von Selma und Jonas Rosenthal haben den Holocaust überlebt. Der älteste, Hermann, der einzige Sohn der Familie, 1914 geboren, ging in Haßfurt zur Realschule und wurde später Lehrer. Er wurde im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht verhaftet und saß vom 12. 11. 38 bis 12. 1. 39 im KZ Buchenwald ein. Nach seiner Entlassung gelang ihm die Flucht nach England, wo er 1988 starb. Den Krieg erlebte er als britischer Unteroffizier z. T. in Deutschland, wo er ab 1945 nach seinen Eltern und Geschwistern suchte – erfolglos.
Friedel wurde 1915 geboren, war ebenfalls Schülerin der Haßfurter Realschule und emigrierte 1936 nach Palästina – alleine und im Alter von nur 21 Jahren. Dort änderte sie ihren Namen in Schulamith und heiratete. 2012 verstarb sie im Kreise zahlreicher Nachkommen.
Hören Sie hier die akustische Inszenierung des Theater »Pohyb's und Konsorten«: Eine fiktive Begegnung von Hermann und Friedel, wie sie in den Sechziger Jahren in Haßfurt die Stätten ihrer Kindheit besuchen.